Moin,
ich heiße Nawroz und bin 21 Jahre alt. Seit Ende 2015 lebe ich in Deutschland und meine Heimat ist das kurdische Gebiet in Syrien. Aufgewachsen bin ich allerdings in Ar-Raqqa.
Ich war in einer Daz-Klasse (Deutsch als Zweitsprache) auf einer Gemeinschaftsschule und bin dann nach einem Jahr auf ein Gymnasium gegangen. Dort habe ich mein Deutsch sehr verbessern können und habe dann ein Stipendium für 3 Jahre erhalten. Das hat mir nicht nur finanziell sehr geholfen, sondern ich war durch regelmäßige Seminare im Kontakt und Austausch mit anderen Stipendiaten. Ich habe dann meine Fachhochschulreife erfolgreich bestanden. Ich werde dieses Jahr ein Freiwilliges Ökologisches Jahr absolvieren und möchte anschließend an der Fachhochschule Kiel Studieren gehen. Ich bin ehrenamtlich tätig und habe angefangen, Gedichte zu schreiben.
Mein Start in Deutschland war nicht so einfach. In der Schule wurde ich zwischenzeitlich gemobbt. Ich war sehr jung, als wir hier angekommen sind und es war eine sehr große Umstellung. Meine Familie hatte Probleme damit, dass ich in Deutschland als Frau selbst entscheiden kann, ob ich studieren möchte oder welchen Mann ich heiraten will. Das führte immer wieder zu großem Familiendruck und Streit. Heute akzeptieren sie es.
Mir hat es geholfen, über die Schwierigkeiten und mein Leben in Deutschland zu schreiben. In den Gedichten kann ich meine Gedanken dazu äußern. Das hilft mehr sehr. Mir ist es wichtig, nicht nur an mich zu denken, sondern auch an andere. Ich setze mich sehr für Frauenrechte ein. Auch darüber schreibe ich Kurztexte. Ich bin Referentin für dieses Thema bei der ZBBS im Projekt ,,Die Stimme des anderen Geschlechts“. Ich bin gerade dabei, ein Sammelwerk mit meinen Gedichten zu veröffentlichen.
Ein Tipp an neu nach Deutschland gekommene Flüchtlinge: Habe keine Angst und sei mutig. Akzeptiere dich selbst und setze dich dann für die Gesellschaft ein, in der du leben möchtest. Es ist nicht einfach, hier herzukommen. Es ist ein Neuanfang. Sei offen dafür, dass dein Leben nicht so sein wird, wie in deiner Heimat.
Am besten kann man helfen, wenn die Unterstützung von Herzen kommt. Wenn man hilft, sollte man keine Gegenleistung erwarten.
Es gibt viele Unterschiede zwischen den Kulturen. Ich habe gemerkt, wie ich mich verändert habe. Hier hatte ich die Möglichkeit, mich selbst zu finden und frei zu entfalten. In Syrien litt ich unter dem gesellschaftlichen Druck, nichts eigenständig tun zu können.
Ich bin sehr stolz darauf, dass ich die Schule hier geschafft habe und jetzt studieren gehen kann.